Wider den Plan B
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Organisations-Entwicklung
12.08.2013

Mir geht es gut. Ehrlich. Im Moment geht es mir gut, ich sehe einen Sinn in meiner Arbeit und bin privat glücklich. Dies sind wahrscheinlich nicht nur für mich zwei der wichtigsten Faktoren, dass ich mich gut fühle. Aber, und auch hier bin ich ehrlich, ich habe auch Probleme. Keine Angst, ich werde Sie nicht damit belästigen. Es sind, wenigstens aus heutiger Sicht, alles lösbare Probleme. Zum Beispiel weiss ich noch nicht, wie ich die Termine von nächster Woche alle koordinieren kann. Oder, ich muss ein Geschenk finden und habe keine Ahnung wo suchen. Herausgefordert fühle ich mich dadurch nicht. Und auch schlecht fühle ich mich deswegen nicht.

In den 1990er Jahren ist zumindest in meiner Arbeitswelt der Begriff „Herausforderung“ in einem neuen Zusammenhang aufgekommen: Die Marketingabteilungen haben uns erklärt, wir hätten keine Probleme sondern nur Herausforderungen. Think positiv! Problem sei ein negativ belastetes Wort, und darum aus dem Wortschatz zu streichen. Ich verstehe diese Forderung im Marketing und in der Werbung. Es sind die beiden Bereiche, in denen wir am wenigsten Ehrlichkeit erwarten. Ich verstehe die Forderung auch, wenn es um die Grundhaltung des Dienstleisters gegenüber seinem Kunden geht. Aber diese Sprachkonvention in Lebensbereiche zu übernehmen, in denen wir von der Ehrlichkeit der anderen und uns selber ausgehen, finde ich sehr bedenklich. Sie wurde so eingehend postuliert, dass wir heute gar keine Probleme mehr haben, sondern nur noch Herausforderungen. Wir rapportieren an die Vorgesetzten keine Probleme, sondern lediglich Herausforderungen, ja wir haben nicht einmal mehr privat Probleme. Dass wir gegenüber unseren Vorgesetzten nicht ehrlich sind, ist eine Seite. Dass wir aber auch uns selber belügen, ist für mich viel ernster. Und dabei muss ich zugeben, dass mein Einleitungsabschnitt nicht leicht über die Lippen – oder über die Tastatur – ging. Probleme haben tönt auch in meinen Ohren schon fast nach einer Diagnose.

Bei einem früheren Auftraggeber gab es einen Abteilungsleiter, der an seiner Bürotür für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen englischen Spruch angeklebt hatte, der sinngemäss lautete: „Wenn du ein Problem hast und keine Lösung dazu, dann bist du Teil des Problems.“ Dass er damit seine Aufgabe nicht verstanden hat, ja wahrscheinlich von seiner Aufgabe ganz einfach überfordert war, ist allen klar. Dass darauf von seinen Vorgesetzten nicht reagiert wurde, ist für mich nur dadurch erklärbar, dass sie die Forderung der Marketingfachleute verinnerlicht haben.

Ein anderer Begriff, der fast zeitgleich mit dem Aufkommen der Sprachregelung bezüglich der Herausforderungen verschwunden ist, ist „quick&dirty“. In der Informatik bezeichnet man damit eine Umsetzungsmethode, in der man den Fokus auf das Realisierungstempo legt und ganz bewusst mindere Qualität in Kauf nimmt. Man setzt ganz schnell um und missachtet dabei bewusst Richtlinien und Konventionen. Es ist heute eine sehr verbreitete Methode, ich hüte mich davor zu sagen, dass sie zum Standard wurde. Vielleicht gerade wegen der weiten Verbreitung spricht man im besten Fall von einer „unsauberen Lösung“. Viel häufiger und viel schlimmer ist der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff der „Endlösung“. Abgesehen davon, dass das Wort von den Nationalsozialisten 1940 für das schwärzeste Kapitel der neueren Geschichte Europas kreiert wurde, wird damit nur implizit angetönt, dass die aktuelle Lösung nicht von Dauer sein kann und deshalb dereinst durch eine definitive Lösung abgelöst werden sollte. Von dieser aktuellen Lösung, die, so wie ich vermute „quick&dirty“ umgesetzt worden ist, wird schon gar nicht mehr gesprochen.

Kennen Sie das Lied von Mani Matter „Warum syt dir so truurig?“ Es ist eines der letzten Chansons von Mani Matter aus dem Jahr 1972. Eines, das von ihm selber nicht mehr eingespielt werden konnte. Er stellt darin die Frage, warum wir denn so traurig wären, wo es uns doch eigentlich gut ginge. Er fordert uns auf, hinzusehen, zeigt uns auf, was alles in unserem Leben gut läuft. Fast 40 Jahre später haben Lo&Leduc, zwei Mundartrapper aus Bern mit dem Lied „Warum düet dir so fröhlech“ eine herrlich aktuelle Antwort geschrieben. Sie fragen, warum wir denn alle so täten, als wäre alles prima und hätten wir keine Probleme. Wir haben offenbar die Aufforderung von Mani Matter falsch verstanden: Wir haben nicht hingeschaut zum Guten – wir haben nur weggeschaut vom Schlechten. Seien wir doch mal ehrlich.

 

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