Erinnern mit Bedacht
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Wider den Plan B
13.08.2012

„Ich wünsche dir viel Glück beim Wachsen“. Dies schrieb mein ältester Sohn dem kleineren Bruder zu dessen zweiten Geburtstag. Und auch wenn wir oft noch heute darüber lachen, weil Daniel bis jetzt noch nicht zu den Grössten gehört, schöner kann man in meinen Augen Glück im Sinne der antiken Philosophen, die Glück als „guten Fluss des Lebens“ definierten, nicht umschreiben. Ob der Wunsch nach Glück in Erfüllung geht, muss Daniel dereinst selber beurteilen. Ich hoffe es – und wünsche es ihm auch von ganzem Herzen.

Wir wünschen uns und unserer Umgebung gerne Glück, zum Jahreswechsel, zum Geburtstag, zu Prüfungen, ohne zu überlegen, was dieses Glück denn ausmachen und wie der Wunsch in Erfüllung gehen könnte. Bei Prüfungen ist es noch am klarsten, da wünschen wir das Quäntchen Glück, das man oftmals braucht. Damit auch das geprüft wird, was wir können und wir unsere Stärken und nicht unsere Schwächen zeigen können. Aber viel Glück zum Geburtstag? Selbstverständlich wünsche ich das auch, aber wenn ich ehrlich bin, weiss ich nicht genau, was ich wünsche.

Im englisch-sprachigen Raum gibt es für „Glück“ drei verschiedene Wörter: „Luck“, „Bliss“ und „Happiness“. Während „Luck“ am ehesten unserem Lottoglück entspricht und „Bliss“ dem momentanen Glück, auch umschrieben als „Wohlfühlglück“, ist „Happiness“ das Substantiv zu unserem glücklich sein – das „Glück der Fülle“, wie es der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid benennt.

Glücksforschung wird in der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und der Ökonomie betrieben. Sie ist ein Zeichen, dass es uns gut geht – Glücksforschung wird seit der Antike nur in Friedenszeiten betrieben. Vielleicht kümmern sich zurzeit gleich mehrere Wissenschaften um das Glück, weil es sich um mehrere Dinge handelt, die wir unter einem Begriff zusammenfassen.

Lottoglück, oder Zufallsglück, ist das, was wir landläufig damit meinen, wenn wir von Glück sprechen. Zufallsglück passiert einem. Ob Zufallsglück beeinflusst werden kann oder nicht, ist irrelevant, denn mit glücklich sein hat es erwiesenermassen wenig bis nichts zu tun. Gemäss Studien fühlen sich Gewinner zwei Jahre nach einem grossen Lottogewinn weder glücklicher noch unglücklicher als vor dem Ereignis. Und sicherlich kennt jeder von uns Menschen, die in unseren Augen vom Pech verfolgt sind und dennoch glücklich sind. Zufallsglück ist eigentlich eher die Hoffnung auf das Glück als das Glück selber.

Das Wohlfühlglück wird von Mani Matter im Lied „Farbfoto“ sehr treffend umschrieben, in dem er ein Plakat beschreibt, auf dem ein bildhübsches Model mit einem Herren in einer Kutsche am Meer entlang fährt, darüber die Sterne am tiefblauen Himmel; und unter dem Bild steht, das sei nun eben das Glück und ein Glas von einem Likör, dessen Namen er leider vergessen habe. Wäre Mani Matter der Name des Likörs nicht entfallen – vielleicht wären uns viele Ratgeber zur Glückssuche erspart geblieben. Ich befürchte aber, dass auch dieses Wohlfühlglück, wie so vieles andere auch, nur von kurzer Dauer gewesen wäre. Ein Merkmal von „Bliss“ ist nämlich, dass wir uns daran gewöhnen. Studien gemäss macht Geld zum Beispiel nur bis zu einem Monatslohn von € 6‘000.- glücklich, also bis zu einer Grenze, wo wir uns nicht mehr täglich Sorgen machen müssen. Auch wenn Wohlfühlglück für jeden etwas anderes ausmacht, Anerkennung ist für alle Menschen wohl gleichermassen wichtig und glücksbestimmend. Anerkennung durch den Chef, die Eltern, die Kollegen, das Publikum auf dem Fussballplatz – es gibt unzählige Möglichkeiten. Nur am Rande: Die Suche nach Anerkennung ist übrigens einer der Hauptpunkte für den Erfolg von Facebook.

Für das Glücklich sein braucht es aber mehr als das momentane Glück. „Happiness“, etwas holprig umschrieben als „Glück der Fülle“ ist wiederum sehr individuell: Sicherlich wichtig sind soziale Kontakte, den eigenen Fähigkeiten entsprechende Arbeit sowie die Einsicht, dass das Leben nicht nur aus Sonnen- sondern auch aus Schattenseiten besteht. Die Ausprägungen dazu sind sehr individuell und es ist auch schwierig sich vorzustellen, was uns denn nun glücklich machen würde und in welchem Mass. Ich möchte einen ganz einfachen Ratschlag geben, nämlich nicht das Glück zu suchen, sondern den Sinn: Sinn in der aktuell anfallenden Tätigkeit, in der Arbeit generell, in meinem Leben… Wir sind alle viel leistungsfähiger, wenn wir den Sinn in einer Arbeit sehen, wenn wir verstehen, warum dieses Ziel in einer gewissen Zeit erreicht werden soll. Oder für einmal negativ formuliert: Ich werde unglücklich, wenn ich den Sinn in einer Aufgabe nicht sehe – und so geht es wahrscheinlich ganz vielen Menschen. Wie zentral „Sinn“ ist, gibt auch das Zitat von Vaclav Havel wieder: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Ich möchte in keiner Weise das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ anzweifeln, aber wenn es zwei so einfache Möglichkeiten gibt, unsere Mitarbeiter, Kollegen, Freunde, Familie und Kinder ein bisschen glücklicher zu machen, nämlich in dem wir loben und in dem wir Sinn vermitteln, dann ist das doch sehr sinnvoll – und damit glücksstiftend für uns selber.

2 Kommentare

  1. Elena Hubschmid sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag: ist eine sehr schöne Lebensphilosophie, die da beschrieben wurde. Diese Vorstellung von Glück entspricht meinem Weltbild, vielleicht deshalb darf ich mich trotz allem als glücklich schätzen. Vor kurzem bin ich auf eine Reflektion zum ähnlichen Thema auf Französisch gestossen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Namen des Autors bzw. der Autorin der folgenden Überlegung, aber ich finde sie fasst sehr schön den Hauptgedanken zusammen: „Accepter la part de malheur qui inévitablement ternira votre vie: c’est cela être heureux.“ ( Anonym). Schliesslich hängt unser tägliches Glücklichsein von unserer eigenen Lebenseinstellung ab.

  2. Hanrion sagt:

    Philippe Labro hat diesen Satz in seinem Buch „Franz et Clara“ geschrieben =)

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