Paradigmenwechsel
24.12.2010
Glück macht Sinn – und umgekehrt
1.09.2011

„Einmal wird man ja wohl noch vergessen dürfen“. Mit diesem Satz, mehr geschrien als gesprochen, beginnt und endet die aktuelle Aufführung von Frisch’s „Andorra“ in den Vidmarhallen in Bern. Die Mitläufer wiederholen diesen Satz gebetsmühlenartig am Tag des Verschwindens von Andri; die, die weggeschaut haben und Andri stigmatisiert haben, sich damit entschuldigend. Bei Frisch gibt es den Satz in dieser Form nicht, vielleicht deshalb nicht, weil vor 50 Jahren das Vergessen noch möglich war.

Jedes Mal wenn Wikileaks neue Enthüllungen preisgibt, folgt augenblicklich die Diskussion, ob dies korrekt sei, ob es demokratisch sei, gespeicherte Fakten an die Öffentlichkeit zu bringen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Ich weiss es nicht. Für mich ist die Diskussion falsch. Für mich sollte sie lauten: Ist es korrekt, dass solche Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, gespeichert werden? Und ich spreche hier nicht von staatspolitischen oder militärischen Geheimnissen, sondern von Einschätzungen, von persönlichen Meinungen, von momentanen Äusserungen.

Laut einer Studie der Universität Südkaliforniens in Los Angeles sind wir seit 2002 im digitalen Zeitalter. Forscher haben berechnet, dass damals die Menge der digital gespeicherten Informationen diejenige in analoger Form überschritten hat. Sie erforschten die Entwicklung der weltweit gespeicherten Informationen zwischen 1986 und 2007 und berechneten dabei unvorstellbare Mengen an Informationen: Insgesamt lagerten im Jahr 2007 auf den unterschiedlichsten Medien demnach 300 Exabyte an Informationen. Dies ist eine Zahl mit 20 Nullen. Die jährliche Zuwachsrate beträgt einen Viertel, gemäss anderen Studien die Hälfte.

Kollektives Vergessen ist defacto unmöglich geworden. Erinnern und Vergessenkönnen gehört zur Menschheit. Nietzsche hat sich eingehend mit dem Vergessen befasst und festgehalten, dass der Mensch neben dem Erinnern, das ihn vom Tier unterscheide, auch das Vergessen brauche, das ihn mit dem Tier verbinde. Sehr pointiert hat er geschrieben: „Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.“ Die technischen Hilfsmittel haben dieses Gleichgewicht verschoben. Während der Evolution der Menschheit konnte zwar zunehmend mehr Wissen für die Nachwelt festgehalten werden, aber es war bis in unsere Zeit immer noch verschwindend wenig. Während im Mittelalter der fleissigste Mönch gerademal 20 Bücher in seiner gesamten Schaffenszeit kopierte, ist es heute möglich, alles gezielt zu speichern und auch wieder gezielt zu finden.

Ich stelle seit meinen ersten Informatikprojekten immer wieder das Bedürfnis fest, unstrukturierte Kommentar- und Bemerkungsfelder vorzusehen. Als junger Projektleiter stellte ich den Benutzern die Frage, für welche Informationen sie diese Felder denn benötigen. Die Antwort, die mir bis heute geblieben ist, war der Satz: „Kunde motzt am Schalter“. Offenbar gibt es dieses starke Bedürfnis, Informationen über Personen festzuhalten, damit die Kollegen sich schon mal ein Bild machen können, damit man nicht vergisst. Früher oder später bringen solche Informationen Probleme für die Institution, die diese Daten speichert. Die gültigen Perönlichkeits- und Datenschutzgesetzte erlauben es Jedem, die über ihn gespeicherten Daten jederzeit und vollständig einzusehen. Immer mehr Firmen und öffentliche Stellen ermöglichen ihren Kunden einen Zugang zu den digitalen Daten, die zuvor minutiös bereinigt werden müssen.

Gerade im Internet werden heute sehr viele Daten aber auch von den Eigentümern selbst gespeichert und für die Öffentlichkeit freigegeben. Man denke hier zum Beispiel an Facebook. Die dort gespeicherten Daten sind weder kontrollierbar noch können sie gelöscht werden. Dass es aktuell in der EU Projekte gibt, die von diesen Firmen verlangen, dass die Daten löschbar gemacht werden, ist weder technisch noch organisatorisch sinnvoll und machbar. Die Frage wäre auch hier: Müssen diese Daten wirklich gespeichert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden? Wir müssen lernen damit umzugehen, wie einfach es ist, Daten zu speichern, egal ob es sich dabei um eigene Daten handelt oder um solche von Kunden. Ich möchte daher dafür werben, dass wir mit Bedacht Informationen festhalten, damit Vergessen wieder möglich wird.

Peter Bichsel hat sich vor dem digitalen Zeitalter mit dem Thema beschäftigt:
„Erzählen hat mit dem Erinnern zu tun und das Erinnern mit Vergessenkönnen und Wiederfinden – und mit dem langsamen Einfallen. Übrigens: Vergessenkönnen ist auch die Voraussetzung des Verzeihens. Weil Erzählen mit dem Vergessen und dem Erinnern zu tun hat, ist es etwas Friedliches.“

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