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Wider den Plan B

Peter Bichsel schreibt in einer seiner Kolumnen von einem Mann, der keine Frau und keine Kinder hat, der keinen richtigen Beruf hat, keinen Wohnsitz, von dem man nicht weiss, wann er kommt und wann er wieder geht. Er beschreibt ihn mit dem kurzen Satz: „Er hatte sich nie entschieden“. Er erwähnt in keinem Satz seine Freiheit sondern schreibt lediglich, dass er sich nicht entschieden hat.

Als Projektleiter bin ich immer wieder aufgefordert, einen Plan B vorzulegen, ein Fallback Scenario für den Fall des Scheiterns. Ich finde, dies ist eine legitime Forderung, auch wenn ich sie nicht gerne erfülle. Notfallszenarien fördern keine Spitzenleistungen, sie fördern das Mittelmass.

Wussten Sie, dass Barfusslaufen vor Verletzungen schützt? Laut einer Studie der Harvard University verletzen sich Läufer, die ohne Schuhe laufen paradoxerweise weniger als Läufer mit Schuhen. In Schuhen wähnen wir uns offenbar in einer vermeintlichen Sicherheit und sind nicht mehr vorsichtig. Mit einem Plan B ist es meines Erachtens ähnlich: Wir haben im Hinterkopf die Sicherheit des Alternativ-Plans und konzentrieren uns deshalb nicht mehr mit voller Kraft auf den Plan A.

Für die wichtigen Dinge im Leben gibt es keinen Plan B. Ich kann mich nicht darauf vorbereiten, was passiert, wenn ich ein Kind verliere oder meine Partnerin. Es ist absurd, hierfür einen Plan B zu haben. Ich kann nicht einmal einen funktionierenden Plan B in der Tasche haben für den Fall, dass ich meinen Job verliere. Es ist weder meinem aktuellen noch einem zukünftigen Auftraggeber gegenüber fair. Jeder Kunde verlangt von mir vollen Einsatz für den aktuellen Auftrag – und dies ist sein gutes Recht.

Rilke schreibt in einem Brief an einen Herrn Kapus auf die Frage, ob er Dichter werden sollte: „Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit.“ Ich bin mir bewusst, dass „müssen“ nicht modern ist. Glauben wir der Werbung, ist es unser Traum, soweit wie möglich in Freiheit zu leben und ohne Zwänge. Also lieber noch einen Plan C – G, damit wir spontan wählen können anstatt uns zu entscheiden. Sicherlich, auch das geht. Aber es führt nicht zu herausragenden Leistungen. Es kann nicht. Ich glaube, es ist in allen Bereichen so: im Sport, in der Musik, in der Wirtschaft; die herausragenden Personen hatten nie eine Chance oder eine Möglichkeit, etwas anderes zu tun und haben darum alles auf diese eine Karte gesetzt. Sei es nun aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen: Sie konnten sich nicht auf einen Plan B abstützen und mussten daher Alles geben, dass Plan A glückt.

Warum aber dann fordern wir immer wieder einen Ausweichplan für weniger wichtige Dinge? Die Frage ist einfach zu beantworten: Wir möchten eine Versicherung gegen das Scheitern. Wir möchten uns absichern für den Fall, dass etwas nicht so kommt, wie wir es möchten. Dies ist nur allzu menschlich – ich möchte das auch. Aber ich bin der Meinung, dass es uns mehr schadet als nützt. Es erzieht uns zum Mittelmass. Wir können immer nur einen Teil unserer Zeit und Ressourcen für Plan A einsetzen, der Rest muss sich um Plan B kümmern. Anstatt alle Ressourcen für die saubere Planung eines Projektes einzusetzen, verzetteln wir uns, indem wir mehrere Szenarien planen. Dies wäre nur bei unbegrenzten Ressourcen möglich und sinnvoll. Aber auch dann käme das Problem dazu, dass wir uns in falscher Sicherheit wähnen, dass wir ja dann noch einen Ausweichtermin haben, einen Joker, ein Ass im Ärmel und dadurch wird es sehr schwierig, noch alle Energien auf Plan A zu konzentrieren. Es braucht etwas Mut, auf eine Alternative zu verzichten, aber ich bin mir sicher, dass es sich lohnt. Vor allem, weil wir in den wichtigen Dingen in unserem Leben keine Alternative haben können.

In einer Episode der „Pinguine aus Madagaskar“ sagt King Julien: „Wir haben keinen Plan. Wir haben etwas Besseres: wir haben Zuversicht.“

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Glück macht Sinn – und umgekehrt

„Ich wünsche dir viel Glück beim Wachsen“. Dies schrieb mein ältester Sohn dem kleineren Bruder zu dessen zweiten Geburtstag. Und auch wenn wir oft noch heute darüber lachen, weil Daniel bis jetzt noch nicht zu den Grössten gehört, schöner kann man in meinen Augen Glück im Sinne der antiken Philosophen, die Glück als „guten Fluss des Lebens“ definierten, nicht umschreiben. Ob der Wunsch nach Glück in Erfüllung geht, muss Daniel dereinst selber beurteilen. Ich hoffe es – und wünsche es ihm auch von ganzem Herzen.

Wir wünschen uns und unserer Umgebung gerne Glück, zum Jahreswechsel, zum Geburtstag, zu Prüfungen, ohne zu überlegen, was dieses Glück denn ausmachen und wie der Wunsch in Erfüllung gehen könnte. Bei Prüfungen ist es noch am klarsten, da wünschen wir das Quäntchen Glück, das man oftmals braucht. Damit auch das geprüft wird, was wir können und wir unsere Stärken und nicht unsere Schwächen zeigen können. Aber viel Glück zum Geburtstag? Selbstverständlich wünsche ich das auch, aber wenn ich ehrlich bin, weiss ich nicht genau, was ich wünsche.

Im englisch-sprachigen Raum gibt es für „Glück“ drei verschiedene Wörter: „Luck“, „Bliss“ und „Happiness“. Während „Luck“ am ehesten unserem Lottoglück entspricht und „Bliss“ dem momentanen Glück, auch umschrieben als „Wohlfühlglück“, ist „Happiness“ das Substantiv zu unserem glücklich sein – das „Glück der Fülle“, wie es der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid benennt.

Glücksforschung wird in der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und der Ökonomie betrieben. Sie ist ein Zeichen, dass es uns gut geht – Glücksforschung wird seit der Antike nur in Friedenszeiten betrieben. Vielleicht kümmern sich zurzeit gleich mehrere Wissenschaften um das Glück, weil es sich um mehrere Dinge handelt, die wir unter einem Begriff zusammenfassen.

Lottoglück, oder Zufallsglück, ist das, was wir landläufig damit meinen, wenn wir von Glück sprechen. Zufallsglück passiert einem. Ob Zufallsglück beeinflusst werden kann oder nicht, ist irrelevant, denn mit glücklich sein hat es erwiesenermassen wenig bis nichts zu tun. Gemäss Studien fühlen sich Gewinner zwei Jahre nach einem grossen Lottogewinn weder glücklicher noch unglücklicher als vor dem Ereignis. Und sicherlich kennt jeder von uns Menschen, die in unseren Augen vom Pech verfolgt sind und dennoch glücklich sind. Zufallsglück ist eigentlich eher die Hoffnung auf das Glück als das Glück selber.

Das Wohlfühlglück wird von Mani Matter im Lied „Farbfoto“ sehr treffend umschrieben, in dem er ein Plakat beschreibt, auf dem ein bildhübsches Model mit einem Herren in einer Kutsche am Meer entlang fährt, darüber die Sterne am tiefblauen Himmel; und unter dem Bild steht, das sei nun eben das Glück und ein Glas von einem Likör, dessen Namen er leider vergessen habe. Wäre Mani Matter der Name des Likörs nicht entfallen – vielleicht wären uns viele Ratgeber zur Glückssuche erspart geblieben. Ich befürchte aber, dass auch dieses Wohlfühlglück, wie so vieles andere auch, nur von kurzer Dauer gewesen wäre. Ein Merkmal von „Bliss“ ist nämlich, dass wir uns daran gewöhnen. Studien gemäss macht Geld zum Beispiel nur bis zu einem Monatslohn von € 6‘000.- glücklich, also bis zu einer Grenze, wo wir uns nicht mehr täglich Sorgen machen müssen. Auch wenn Wohlfühlglück für jeden etwas anderes ausmacht, Anerkennung ist für alle Menschen wohl gleichermassen wichtig und glücksbestimmend. Anerkennung durch den Chef, die Eltern, die Kollegen, das Publikum auf dem Fussballplatz – es gibt unzählige Möglichkeiten. Nur am Rande: Die Suche nach Anerkennung ist übrigens einer der Hauptpunkte für den Erfolg von Facebook.

Für das Glücklich sein braucht es aber mehr als das momentane Glück. „Happiness“, etwas holprig umschrieben als „Glück der Fülle“ ist wiederum sehr individuell: Sicherlich wichtig sind soziale Kontakte, den eigenen Fähigkeiten entsprechende Arbeit sowie die Einsicht, dass das Leben nicht nur aus Sonnen- sondern auch aus Schattenseiten besteht. Die Ausprägungen dazu sind sehr individuell und es ist auch schwierig sich vorzustellen, was uns denn nun glücklich machen würde und in welchem Mass. Ich möchte einen ganz einfachen Ratschlag geben, nämlich nicht das Glück zu suchen, sondern den Sinn: Sinn in der aktuell anfallenden Tätigkeit, in der Arbeit generell, in meinem Leben… Wir sind alle viel leistungsfähiger, wenn wir den Sinn in einer Arbeit sehen, wenn wir verstehen, warum dieses Ziel in einer gewissen Zeit erreicht werden soll. Oder für einmal negativ formuliert: Ich werde unglücklich, wenn ich den Sinn in einer Aufgabe nicht sehe – und so geht es wahrscheinlich ganz vielen Menschen. Wie zentral „Sinn“ ist, gibt auch das Zitat von Vaclav Havel wieder: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Ich möchte in keiner Weise das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ anzweifeln, aber wenn es zwei so einfache Möglichkeiten gibt, unsere Mitarbeiter, Kollegen, Freunde, Familie und Kinder ein bisschen glücklicher zu machen, nämlich in dem wir loben und in dem wir Sinn vermitteln, dann ist das doch sehr sinnvoll – und damit glücksstiftend für uns selber.

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Erinnern mit Bedacht

„Einmal wird man ja wohl noch vergessen dürfen“. Mit diesem Satz, mehr geschrien als gesprochen, beginnt und endet die aktuelle Aufführung von Frisch’s „Andorra“ in den Vidmarhallen in Bern. Die Mitläufer wiederholen diesen Satz gebetsmühlenartig am Tag des Verschwindens von Andri; die, die weggeschaut haben und Andri stigmatisiert haben, sich damit entschuldigend. Bei Frisch gibt es den Satz in dieser Form nicht, vielleicht deshalb nicht, weil vor 50 Jahren das Vergessen noch möglich war.

Jedes Mal wenn Wikileaks neue Enthüllungen preisgibt, folgt augenblicklich die Diskussion, ob dies korrekt sei, ob es demokratisch sei, gespeicherte Fakten an die Öffentlichkeit zu bringen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Ich weiss es nicht. Für mich ist die Diskussion falsch. Für mich sollte sie lauten: Ist es korrekt, dass solche Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, gespeichert werden? Und ich spreche hier nicht von staatspolitischen oder militärischen Geheimnissen, sondern von Einschätzungen, von persönlichen Meinungen, von momentanen Äusserungen.

Laut einer Studie der Universität Südkaliforniens in Los Angeles sind wir seit 2002 im digitalen Zeitalter. Forscher haben berechnet, dass damals die Menge der digital gespeicherten Informationen diejenige in analoger Form überschritten hat. Sie erforschten die Entwicklung der weltweit gespeicherten Informationen zwischen 1986 und 2007 und berechneten dabei unvorstellbare Mengen an Informationen: Insgesamt lagerten im Jahr 2007 auf den unterschiedlichsten Medien demnach 300 Exabyte an Informationen. Dies ist eine Zahl mit 20 Nullen. Die jährliche Zuwachsrate beträgt einen Viertel, gemäss anderen Studien die Hälfte.

Kollektives Vergessen ist defacto unmöglich geworden. Erinnern und Vergessenkönnen gehört zur Menschheit. Nietzsche hat sich eingehend mit dem Vergessen befasst und festgehalten, dass der Mensch neben dem Erinnern, das ihn vom Tier unterscheide, auch das Vergessen brauche, das ihn mit dem Tier verbinde. Sehr pointiert hat er geschrieben: „Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.“ Die technischen Hilfsmittel haben dieses Gleichgewicht verschoben. Während der Evolution der Menschheit konnte zwar zunehmend mehr Wissen für die Nachwelt festgehalten werden, aber es war bis in unsere Zeit immer noch verschwindend wenig. Während im Mittelalter der fleissigste Mönch gerademal 20 Bücher in seiner gesamten Schaffenszeit kopierte, ist es heute möglich, alles gezielt zu speichern und auch wieder gezielt zu finden.

Ich stelle seit meinen ersten Informatikprojekten immer wieder das Bedürfnis fest, unstrukturierte Kommentar- und Bemerkungsfelder vorzusehen. Als junger Projektleiter stellte ich den Benutzern die Frage, für welche Informationen sie diese Felder denn benötigen. Die Antwort, die mir bis heute geblieben ist, war der Satz: „Kunde motzt am Schalter“. Offenbar gibt es dieses starke Bedürfnis, Informationen über Personen festzuhalten, damit die Kollegen sich schon mal ein Bild machen können, damit man nicht vergisst. Früher oder später bringen solche Informationen Probleme für die Institution, die diese Daten speichert. Die gültigen Perönlichkeits- und Datenschutzgesetzte erlauben es Jedem, die über ihn gespeicherten Daten jederzeit und vollständig einzusehen. Immer mehr Firmen und öffentliche Stellen ermöglichen ihren Kunden einen Zugang zu den digitalen Daten, die zuvor minutiös bereinigt werden müssen.

Gerade im Internet werden heute sehr viele Daten aber auch von den Eigentümern selbst gespeichert und für die Öffentlichkeit freigegeben. Man denke hier zum Beispiel an Facebook. Die dort gespeicherten Daten sind weder kontrollierbar noch können sie gelöscht werden. Dass es aktuell in der EU Projekte gibt, die von diesen Firmen verlangen, dass die Daten löschbar gemacht werden, ist weder technisch noch organisatorisch sinnvoll und machbar. Die Frage wäre auch hier: Müssen diese Daten wirklich gespeichert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden? Wir müssen lernen damit umzugehen, wie einfach es ist, Daten zu speichern, egal ob es sich dabei um eigene Daten handelt oder um solche von Kunden. Ich möchte daher dafür werben, dass wir mit Bedacht Informationen festhalten, damit Vergessen wieder möglich wird.

Peter Bichsel hat sich vor dem digitalen Zeitalter mit dem Thema beschäftigt:
“Erzählen hat mit dem Erinnern zu tun und das Erinnern mit Vergessenkönnen und Wiederfinden – und mit dem langsamen Einfallen. Übrigens: Vergessenkönnen ist auch die Voraussetzung des Verzeihens. Weil Erzählen mit dem Vergessen und dem Erinnern zu tun hat, ist es etwas Friedliches.”

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